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Bundesliga-Aufsteiger mit vielen Baustellen

HSV vor großem Kader-Umbruch: Wo Hamburg jetzt dringend nachlegen muss

Der HSV geht nach dem Aufstieg in die Bundesliga nicht in einen Sommer des Feinschleifs, sondern in eine Phase, in der mehrere zentrale Positionen gleichzeitig neu bewertet und verstärkt werden müssen. Der Klassenerhalt ist damit weniger eine Frage einzelner Transfers als der Gesamtkonstruktion: Welche Achse steht, wo fehlt verlässliche Erstliga-Qualität – und wie schnell lässt sich Tiefe herstellen, ohne das Gefüge zu überfrachten?

Ein positives Signal setzt der Club mit der Personalie Shafiq Bello Nandja: Der Innenverteidiger (Jahrgang 2007), seit 2018 im Verein, hat seinen ersten Profivertrag unterschrieben. Nandja trainierte in der Rückrunde bereits bei den Profis mit und kam am 10. Mai beim 3:2 gegen Freiburg zu seinem Bundesliga-Debüt. Solche Schritte sind wichtig, weil sie zeigen, dass der HSV seine eigenen Entwicklungspfade offenhält. Für die akuten Baustellen des Kaders reicht ein Talent allein allerdings nicht – schon gar nicht in einer Liga, in der Fehler im Zentrum und fehlende Effizienz vorn schnell über Wochen nachwirken.

Innenverteidigung: Ein Loch im Zentrum – und die Frage nach sofortiger Stabilität

Im Abwehrzentrum ist der Bedarf am offensichtlichsten. Luka Vušković war ein sportlicher Faktor, kam in der Saison sogar auf sechs Tore, kehrt nach dem Ende seiner Leihe aber zu Tottenham Hotspur zurück. Damit verliert der HSV nicht nur Perspektive, sondern vor allem Minuten, Präsenz und einen Teil der Offensivgefahr bei Standards – ein Paket, das sich nicht mit einem einzelnen Neuzugang „eins zu eins“ ersetzen lässt.

Nandja kann perspektivisch eine Rolle spielen, doch die Anforderungen in der Bundesliga sind auf dieser Position besonders brutal: Timing im Herausrücken, Duellhärte, saubere erste Pässe unter Druck. Aus dem bestehenden Personal ergeben sich zudem klare Hinweise für die Kaderplanung. Daniel Elfadli offenbarte nach Einschätzung im Saisonverlauf Grenzen, dauerhaft auf Bundesliga-Niveau zu agieren. Jordan Torunarigha wirkte links in der Dreier-/Fünferkette stabiler als in einer zentralen Chefrolle. Unterm Strich bleibt die Schlussfolgerung zwingend: Der HSV braucht in der Innenverteidigung nicht bloß Ergänzung, sondern zwei belastbare Lösungen – mindestens eine davon als sofortige Stammkraft, die das Zentrum führt und Spiele „beruhigt“, wenn Phasen kippen.

Im Hintergrund schwingt außerdem eine Personalie mit, die die Planung beeinflussen kann: Mario Vušković soll im Herbst nach abgesessener Dopingsperre zurückkehren. Selbst wenn ein Comeback zusätzliche Optionen verspricht, kann die Transferstrategie nicht darauf gebaut werden. Nach so langer Pause sind Leistungsstand, Rhythmus und Belastbarkeit offene Variablen – und genau diese Unsicherheit darf sich ein Aufsteiger in der zentralsten Defensivzone nicht leisten.

Angriff: Nicht nur ein Abgang – sondern fehlende Produktion

Noch deutlicher wird der Handlungsdruck in der Offensive. Fábio Vieira war als Leihspieler von Arsenal ein kreativer Fixpunkt, kommt nach Saisonende aber nicht automatisch zurück. Mit sieben Toren und fünf Assists war er bester Scorer des HSV – und damit statistisch direkt an einem großen Teil dessen beteiligt, was Hamburg offensiv überhaupt auf den Rasen bekam. Dazu ist bei Albert Grönbaek eine feste Verpflichtung offen; beide Seiten wollen die Zusammenarbeit fortsetzen, entscheidend werden jedoch die Gespräche mit Stade Rennes.

Die nackte Zahl, die den Sommerplan des HSV prägt: 40 Treffer in 34 Partien. Für ein Team, das in der Bundesliga nicht nur bestehen, sondern in engen Spielen punkten muss, ist das ein Warnsignal. Auch die interne Torverteilung stützt diese Diagnose: Ransford-Yeboah Königsdörffer kam auf fünf Tore, Rayan Philippe ebenfalls auf fünf, Robert Glatzel auf drei, Yussuf Poulsen auf einen. Dass Vušković als Innenverteidiger mit sechs Treffern vor mehreren Angreifern lag, ist weniger Kuriosum als Symptom: Der HSV war in vielen Phasen nicht konstant genug darin, Chancen zu kreieren und im Strafraum zu verwerten.

Mit Königsdörffers ablösefreiem Wechsel nach Mainz verschiebt sich die Lage nochmals. Der HSV sucht damit im besten Fall nicht mehr nur ein „Upgrade“, sondern zwei treffsichere Angreifer, die das Profil der Mannschaft tragen können. Dabei geht es nicht allein um Abschlussqualität. Trainer Merlin Polzin fordert für seine Spielidee Stürmer, die gegen den Ball arbeiten, anlaufen und Umschaltmomente sauber auslösen. Königsdörffer erfüllte dieses Anlauf- und Arbeitsprofil nach Einschätzung aus dem Trainerumfeld am besten – sein Abgang reißt also nicht nur ein Loch in die Torquote, sondern auch in die erste Pressinglinie. Wer neu kommt, muss genau diese doppelte Anforderung erfüllen: Tore liefern und die Defensive nach vorn organisieren.

Außenbahnen: Wenn die Flanken fehlen, hilft auch der beste Stürmer wenig

Auf den Außenbahnen wird die Kaderlücke besonders sichtbar – und sie hängt direkt mit dem Angriff zusammen. Links gilt Miro Muheim als tragfähige Lösung; zugleich wäre ein Backup sinnvoll, weil die Belastung in der Bundesliga steigt und Ausfälle schneller „durchschlagen“. Rechts ist die Lage deutlich offener: Das Leihende von Giorgi Gocholeishvili, der auslaufende Vertrag von William Mikelbrencis und das zuletzt praktizierte Job-Sharing mit Bakery Jatta haben zwar Lösungen ermöglicht, aber keine dauerhaft verlässliche Bundesliga-Statik geschaffen. In defensiver wie offensiver Hinsicht konnte sich dort niemand über längere Phasen als klarer Fixpunkt etablieren.

Für Polzins 3-4-3/3-5-2 ist das mehr als ein Randthema. Dieses System lebt davon, dass Breite, Läufe und Flanken konstant kommen – gerade dann, wenn die Offensivzentrale nicht mit einem dominanten Zehner besetzt ist. Wenn von den Flügeln zu selten gute Hereingaben und letzte Pässe kommen, ist das kein isoliertes Flügelproblem, sondern nimmt dem gesamten Angriff die Grundlage. Der HSV muss deshalb die Außenbahnen doppelt denken: Ein neuer Stürmer allein löst nichts, wenn rechts weiterhin eine Baustelle bleibt und links die Absicherung fehlt.

Tiefe und Gerüst: Der HSV braucht mehr als Einzelmaßnahmen

Der Aufstieg wurde auch von Leihspielern getragen – entsprechend groß ist der Schnitt, wenn mehrere dieser Bausteine wieder verschwinden. Als vergleichsweise gut besetzt gilt die Torhüterposition mit Daniel Heuer Fernandes und Sander Tangvik; darüber hinaus ist vieles in Bewegung. Kofi Amoako ist als erster Sommerzugang ein Transfer, der Tiefe und Stabilität im Mittelfeld bringen kann – aber er ändert nichts an der Kernlage: Der HSV muss parallel an mehreren neuralgischen Punkten nachlegen, statt einzelne Löcher nacheinander zu stopfen.

Stand jetzt wirkt das Gerüst eher lose: Heuer Fernandes und Tangvik im Tor, dazu Nicolas Capaldo, Muheim, Nicolai Remberg und Lokonga als Orientierungspunkte – und um diese Achse herum zahlreiche Fragezeichen. Genau darin liegt die Aufgabe dieses Sommers. Nach sieben Jahren in der 2. Liga ist der HSV zurück in der Bundesliga, aber noch nicht wieder ein etablierter Erstligist. Der Club braucht keinen kosmetischen Umbau, sondern sofort tragfähige Lösungen: mindestens zwei Innenverteidiger, ein klar verstärkter Angriff mit passendem Pressing-Profil – und eine Außenbahnplanung, die Qualität und Verfügbarkeit absichert.

Der Profivertrag für Nandja ist ein Schritt, der langfristig wichtig sein kann. Die eigentliche Arbeit beginnt jedoch jetzt: mit Transfers, die nicht nur Namen liefern, sondern dem Kader Stabilität, Tiefe und Bundesliga-Härte geben.

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